England, 1817
Es ist kurz nach acht, als er die Tür aufmacht. Der Geruch von Wollstaub und abgestandenem Holzfeuer hängt in der Luft, wie jeden Abend. Seine Frau dreht sich vom Herd um, schaut ihn an, nur kurz, dann wieder zu den Töpfen. Er hängt seinen Mantel an den Nagel und setzt sich.
Sein Sohn, vielleicht sechs Jahre alt, schaut vom Boden hoch. „Papa, was ist ein Power Loom?"
Er hebt den Kopf. „Wer hat dir das gesagt?"
„Die Männer auf dem Markt."
Er antwortet nicht. Nimmt sich Brot. Reißt es entzwei.
Sein Vater hat an diesem Webstuhl gesessen. Sein Großvater auch. Er kennt das Geräusch des Schiffchens so gut wie seinen eigenen Atem, die Spannung des Fadens, bevor er reißt, wann Wolle gut ist und wann sie lügt. Er ist kein Arbeiter. Er ist ein Handwerker. Was er nicht weiß: dass dieses Wort in wenigen Jahren nichts mehr bedeuten wird.
240.000 Handweber gibt es in England zu diesem Zeitpunkt. Vierzig Jahre später sind noch 23.000 übrig. Über 90 % weg.
Berlin, 1998
Es ist Dienstag, kurz vor halb elf. Sie geht zum Kaffeeautomaten, wie jeden Tag. Die Neonröhre über ihr summt, hinter ihr klappern Tastaturen. Vor ihr ein kleines Tischchen mit Katalogen, Portugal, Mallorca, Kanarische Inseln. Dicke. Glänzende. Sie kennt sie auswendig.
„Hast du das gelesen?" Thomas lehnt neben dem Automaten und faltet eine Seite zusammen. „Booking-Punkt-com. Die sagen, man kann Urlaub jetzt im Internet buchen."
Sie lacht, nicht böse, einfach so, wie man lacht, wenn etwas wirklich absurd klingt. „Wer bucht denn bitte einen Urlaub im Computer."
„Weiß nicht." Er zuckt die Schultern. „Die Amis halt."
Sie trägt ihren Kaffee zurück zum Tisch, blättert einen Katalog auf. Sizilien, Seite 34. Ein Paar auf einer Terrasse, Abendrot. Sie tippt eine Buchung ein. Draußen fährt die Straßenbahn vorbei.
In den USA gibt es im Jahr 2000 noch 124.000 Reisebüromitarbeiter, 2019 sind es 82.000. In Großbritannien halbiert sich die stationäre Reisebürobranche zwischen 1997 und 2013 fast komplett, minus 59 %. Sekretariatsstellen in den USA: minus 1,1 Millionen zwischen 2000 und 2010.
Frankfurt, 2026
- Stock. Glasfassade. Blick über den Main. 15:41 Uhr. Du sitzt an deinem Laptop. In den letzten drei Stunden hast du eine Analyse von drei neuen Eintrittsmärkten erstellt, mit ChatGPT. Eine Präsentation gebaut, mit Claude. Eine Mail an den Vorstand geschickt. Einen Kundentermin vorbereitet. Alles mit KI, alles schneller als früher. Du bist, ehrlich gesagt, ziemlich gut darin geworden.
Und trotzdem.
Irgendwas ist anders in letzter Zeit. Du schläfst nicht mehr so gut. Eigentlich ist alles bestens: Du bist erfolgreich im Job, die Beziehung läuft besser als je, du hast beim Rennradfahren deine eigene Bestzeit geschlagen. Und trotzdem ist da ein Unbehagen. Wie ein Fenster, das einen Spalt offensteht, und du spürst den Zug, ohne zu wissen, woher er kommt.
Reicht das? Ist mein Job noch sicher? Was bringt die Zukunft?
Du nutzt KI jeden Tag, für fast alles. Aber was, wenn man in zwei Jahren gar niemanden mehr braucht, der die KI steuert? Oder, noch unangenehmer, was, wenn es jemanden gibt, der das einfach besser kann als du. Jünger. Schneller. Billiger. Mit KI aufgewachsen, wie du mit Google.
Dein Gegenargument kennst du schon: Technologiewellen vernichten keine Jobs, sie verschieben sie. Als der PC in die Büros kam, ist der Buchhalter nicht verschwunden, er ist produktiver geworden. Okay, vielleicht. Aber der Buchhalter von 1985 hat Excel gelernt. Der Wissensarbeiter von 2001 hat Google verstanden. Die Reisebürokauffrau von 1998 hat nichts Neues gelernt. Sie ist beim Katalog geblieben.
Du weißt nicht, welche deiner Fähigkeiten in vier Jahren noch zählen. Das ist kein Weltuntergang. Das ist nur eine Frage, die du laut stellst, aber sie ist da.
Das World Economic Forum sagt im Future of Jobs Report 2025: Bis 2030 werden 92 Millionen Stellen weltweit wegfallen, 170 Millionen entstehen neu. Klingt nach Netto-Plus. Aber: 39 % aller heutigen Skills werden bis 2030 obsolet sein. Nicht die Jobs von gestern, die Skills von heute. Vier Jahre. Nicht vierzig.
Der KI-Disruptions-Score
Wir haben diesen Monat den KI-Disruptions-Score gelauncht, inspiriert von deathbyclaude.ai. Eine kleine Vorhersage, wann dein Job disruptiert wird. Etwas überspitzt, und trotzdem irgendwo die aktuelle Realität.
Du gibst die URL deines LinkedIn-Profils an, die KI analysiert, was du machst, und du bekommst einen Score zurück: Wie disruptierbar ist dein Job in den nächsten Jahren? Plus Empfehlungen: Welche Skills wären relevant, welche Nische in deinem Feld wächst, welche Tools solltest du heute lernen, wie kannst du deine Stärken nutzen.
KI für deine Positionierung nutzen
Die Analyse auf Basis des LinkedIn-Profils ist wahrscheinlich nicht ausreichend, zu wenig Kontext für gute Ergebnisse. Wenn du tiefer willst, empfehle ich Folgendes: Lass dich von der KI interviewen, zu deinem Job, deinen Tätigkeiten, deinen Stärken. Eben all das, was sie wissen muss, um zu verstehen, wie sie dich ersetzen kann. Absurd, oder?
Geh zu ChatGPT, Claude oder Gemini, ich empfehle Claude Cowork, und schreib genau das:
Du bist Zukunftsforscher mit Fokus auf KI und Arbeitsmärkte. Deine Aufgabe: herausfinden, welche meiner beruflichen Tätigkeiten durch KI disruptiert werden könnten. Wie ich heute bereits KI in meinem Job einsetzen kann. Und wie ich meine Stärken nutzen kann, um nicht von der KI disruptiert zu werden.
Beginne nun mit einem Interview und stell mir zuerst alle Fragen, die notwendig sind, um mein Jobprofil zu verstehen. Frag mich nach meinem Job, meinen täglichen Aufgaben, meinen Fähigkeiten, meiner Branche, der Größe meines Unternehmens, alles, was du wissen musst, um mir eine wirklich ehrliche und präzise Einschätzung zu geben. Rede nichts schön, sondern sei 100 % ehrlich!
Fang mit den Fragen an. Ich antworte. Dann analysierst du.Der Unterschied zu einem normalen Prompt: Du gibst der KI nicht vor, was sie wissen soll. Du lässt sie fragen, was sie wissen muss, um die Aufgabe zu erfüllen. Das Ergebnis ist deutlich besser, und du bist gezwungen, über deinen eigenen Job nachzudenken, während du antwortest.
Probier es mal aus, vielleicht in einer Session mit Freunden, so etwas kann wirklich befruchten.
Warum inzpyre.me?
Jetzt wird's persönlich. Wer mich kennt, weiß: Ich bin kein Fan von unserem Bildungssystem. Wenn ich heute über meine Schulzeit und mein Studium reflektiere, fühlt es sich an, als hätte ich diese Zeit viel besser nutzen können. Warum lernen wir so viele Dinge, die wir später nicht brauchen? Warum lernen wir Fächer statt Skills? Mich haben diese Fragen nie losgelassen, auch mit 30 noch nicht. Und man kann nicht ewig über etwas meckern, ohne selbst eine Lösung anzubieten. Deshalb habe ich inzpyre.me gegründet.
Vor ein paar Tagen habe ich dann die KI gefragt.
Die Antwort war unangenehm ehrlich.
Rums, das hat gesessen! Aber wahrscheinlich die Realität.
Bildungsreform im institutionellen Sinne, Lehrpläne, Kultusministerien, Stiftungsräte, Bundestagsanhörungen, Gremien, ist fast ausgeschlossen. Vor allem nicht, wenn ich gleichzeitig ein Business gründen, Geld verdienen und eine Consumer-Brand bauen will, die lebenslanges Lernen fördert.
Im ersten Moment: Enttäuschung. Habe ich mich verrannt? Scheitert das Projekt, bevor es eigentlich begonnen hat?
Aber Claude hat recht, oder? Ich bin in mich gegangen: Was will ich wirklich? Mir wurde klar: Mein großes Ziel, „Gegenentwurf zur Schule" im institutionellen Sinn, ist vielleicht gar nicht realistisch. Wahrscheinlich muss ich einen anderen Weg gehen!
Duolingo, Headspace, Khan Academy. Ich weiß nicht, ist das wirklich inzpyre.me? Bin das wirklich ich? Das sind VC Cases, börsennotierte Unternehmen. Will ich das? Ich will kreativ sein, kreieren, Produkte bauen, Menschen helfen, Menschen inspirieren, Menschen begeistern.
Bin ich noch Founder oder vielmehr Creator?
Aber ich Creator? Das sind doch die auf Instagram, auf TikTok, auf YouTube. Ich einer von denen? Nein, ich habe doch mit Unternehmen gearbeitet, mit den wichtigen Leuten, mein Lebenslauf fügt sich ineinander wie ein Zahnrad. Das passt doch nicht.
Ich weiß, ich will Produkte bauen, die Spaß machen. Produkte, die zum Denken anregen und etwas bewegen. Produkte wie der KI-Disruptions-Score. Mein Impact kommt nicht über Reformpapiere, er kommt über Produkte, die Menschen freiwillig nutzen, weil sie Spaß machen, weil sie einen Mehrwert liefern, und weil sie zeigen: Lernen kann anders gehen.
Mein Credo: Wenn ich von einem Produkt nicht selbst begeistert bin und es nicht mindestens mehrere Wochen nutze, kommt es nicht auf den Markt. Versprochen! inzpyre.me ist keine Bildungsbehörde. Ein Spielplatz für Menschen, die sich weiterentwickeln wollen und Inspiration suchen. Eine Community für Builder, die Dinge erschaffen.
Es scheint, der Plan hat sich geändert. Schon jetzt.
Ich reflektiere erneut. Creator, Communities, das ist es. In Zeiten, in denen wir nicht wissen, wie die Zukunft in unserem Job aussieht, in denen wir nicht wissen, wie Menschen zukünftig arbeiten oder lernen, genau da steht doch etwas anderes im Vordergrund: Menschen begeistern, Community, Content, Branding.
Mein Auftrag ist klar!
Ich habe mich und inzpyre.me soeben neu erfunden. Ich bin jetzt wohl Creator. Und auch hier bin ich 100 % ehrlich zu mir: Content Creation ist ein Skill, den ich erst noch lernen muss. Allerdings hat auch niemand gesagt, dass das ein einfacher Weg wird. Sich neu zu erfinden ist herausfordernd.
Wenn es aber einen guten Moment gibt, sich neu zu erfinden, dann jetzt. Ich möchte auch dich einladen, dich neu zu erfinden. Wo und wie, kennt dabei keine Grenzen.
Deine Challenge für diesen Monat
Eine weitere Sache, für die ich mit inzpyre.me stehen will: sich selbst herauszufordern. Wir sollten nicht zu bequem sein, uns den unangenehmen Fragen stellen, ehrlich zu uns selbst sein. Deshalb versuche ich, dir mit jedem Newsletter eine kleine Challenge mitzugeben.
Lass dich von der KI interviewen, zu deinem Job, deinen Tätigkeiten, deinen Stärken. Finde heraus, wo sie dich ersetzen kann. Aber genauso: wo du deine Arbeit neu denken kannst.
Am besten lädst du dir vorher Claude Cowork runter und nutzt es für das Interview. Achte darauf, dass Cowork nicht überall Zugriff hat, sondern nur auf bestimmte Ordner, dort legst du auch deine Briefing-Dateien ab. Wie das genau geht und welche Dateien sinnvoll sind, findest du in unserem Deep Dive auf inzpyre.me/ki.
„Ich habe keine Zeit dafür, mich mit KI zu beschäftigen" ist eine lächerliche Ausrede. Warum ich das weiß? Weil ich sie selbst oft genutzt habe.
Ruben Hassid
Bei ihm lernt man KI für Nicht-Techies, für mich aktuell das Beste, was es zu dem Thema gibt. Folg ihm gerne auch auf LinkedIn oder Instagram.
Ach ja, und dieser Newsletter? Ist der jetzt von KI geschrieben oder von mir? Jeder Gedanke kommt von mir, Idee, Struktur, Story, sogar viele der Formulierungen. Die KI bringt es in Form, aber sie schreibt wie ich. Denn ich habe ihr gezeigt, wie ich schreibe und wie ich denke. Würde ich diesen Newsletter aber nicht mit KI schreiben, dann wäre ich nicht glaubwürdig, oder?
Bleib neugierig,
Alex
Wenn dir der Newsletter gefallen hat, teile ihn gerne mit anderen. Im Sinne der Neuroplastizität, krasses Wort, oder? Dahinter steckt im einfachsten Sinne: Altersvorsorge für dein Gehirn durch lebenslanges Lernen.
Quellen
Zu den Handwebern in England:
- Duncan Bythell: The Handloom Weavers: A Study in the English Cotton Industry during the Industrial Revolution, Cambridge University Press, 1969.
- Report from the Select Committee on Hand-Loom Weavers' Petitions (Royal Commission on Handloom Weavers), Parlamentsbericht, London 1834–1841.
- E. P. Thompson: The Making of the English Working Class, Victor Gollancz, London 1963, Kapitel zu den Handwebern.
- Zusammenfassender Überblick: Knowable Magazine, „What happens to the weavers? Lessons for AI from the Industrial Revolution" (2025).
Zu den Reisebüros und Sekretariatsstellen:
- U.S. Bureau of Labor Statistics, Occupational Employment and Wage Statistics (OEWS), Travel Agents (SOC 41-3041): bls.gov/oes/current/oes413041.htm.
- U.S. Bureau of Labor Statistics, Occupational Outlook Handbook, Travel Agents: bls.gov/ooh/sales/travel-agents.htm.
- U.S. Bureau of Labor Statistics, Productivity growth in travel agencies, The Economics Daily: bls.gov/opub/ted/2004/sept/wk2/art02.htm.
- ABTA, Travel Trends Report (jährliche Reihe) und Holiday Habits Report: abta.com/industry-zone/reports-and-publications.
- U.S. Bureau of Labor Statistics, Secretaries and Administrative Assistants (SOC 43-6000), historische Beschäftigungsreihen 2000–2010.
Zur Jobdynamik im KI-Zeitalter:
- World Economic Forum: Future of Jobs Report 2025, Genf, Januar 2025, weforum.org/publications/the-future-of-jobs-report-2025.
- WEF Pressemitteilung: „78 Million New Job Opportunities by 2030 but Urgent Upskilling Needed".
- Volltext-PDF: reports.weforum.org/docs/WEF_Future_of_Jobs_Report_2025.pdf.
Inspiration für den KI-Disruptions-Score:

